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Jürgen Koppelin Berliner Tagebuch

Berliner Tagebuch vom 23.03.2010 - weltwärts


© Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
In den vergangenen Wochen und besonders zum Ende der Haushaltsberatungen erreichten mich viele E-Mails zum Thema „weltwärts“. Dies ist ein Auslandsfreiwilligendienst, den das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen hat. Jugendliche aus Deutschland werden hier zu einjährigen Aufenthalten in Entwicklungsländer entsandt, wo sie soziale und entwicklungspolitische Programme unterstützen.
Dass Jugendliche die Möglichkeiten von Freiwilligendiensten in Anspruch nehmen und auf vielfältige Weise mit großem persönlichen Engagement soziale Projekte im In- und Ausland unterstützen, begrüße ich ausdrücklich. Gerade auch Erfahrungen im Ausland sammeln zu können, ist für junge Menschen eine große Chance, zu der ich jedem nur raten kann.

Die Entsendeorganisationen hatten gehofft, dass die Mittel für das Programm um 10 Millionen Euro erhöht würden. Dies war von der christlich-liberalen Koalition aber zu keiner Zeit geplant gewesen. Da die FDP in der Vergangenheit zahlreiche kritische Anmerkungen zu „weltwärts“ gemacht hatte, war von einer Erhöhung des Budgets für „weltwärts“ nicht auszugehen. Trotz der schwierigen Haushaltslage und der durch die Finanz- und Wirtschaftskrise noch drängender gewordenen Sparanstrengungen wurde mit Blick auf die Teilnehmer, von Kürzungen in diesem Haushaltsjahr abgesehen.
Viele Punkte sehen wir aber sehr kritisch.
So ist das Programm „weltwärts“ beim BMZ angesiedelt. Eine völlig neue, von den bereits bestehenden Diensten unabhängige, sehr teure Organisationsstruktur musste aufgebaut und muss unterhalten werden. Leider gab es in diesem Jahr mit der kleinteiligen Organisationsstruktur bereits Probleme. Kurzzeitig stand zu befürchten, dass die Organisationen mehr Plätze vergeben hatten, als am Ende Geld zur Verfügung steht.
Von der Zielsetzung her muss klar sein: Ein Freiwilligendienst beim Entwicklungshilfeministerium muss die entwicklungspolitischen Erfolge im Blick haben, weniger den Aspekt der Förderung der Teilnehmer. Die meisten Teilnehmer, die mir schrieben, berichteten von tollen persönlichen Erfahrungen in ihrem Auslandsjahr. Ob „weltwärts“ aber auch die entwicklungspolitischen Ziele erreicht, ist fraglich. Die meisten Entsandten sind Schulabgänger, keine ausgebildeten Entwicklungshelfer. Da es sich bei „weltwärts“ um ein neues entwicklungspolitisches Instrument handelt, findet momentan eine inhaltlich-konzeptionelle Überprüfung statt, und Ende des Jahres wird ein Evaluierungsbericht erwartet.
Insgesamt gibt es für Jugendliche in Deutschland verschiedene Möglichkeiten eines Freiwilligendienstes im Ausland. Hervorzuheben sind dabei insbesondere das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Zuständig für den Freiwilligendienst im Bereich FSJ/FÖJ ist das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (BMFSFJ). Für die Teilnehmer dieser Programme gelten andere Regeln, insbesondere sind diese beispielsweise rentenversichert, „weltwärts“-Teilnehmer sind dies nicht. Eine solche unterschiedliche Behandlung ist bei nahezu gleicher Aufgabenstellung nicht zu begründen und benachteiligt die Teilnehmer bei „weltwärts“ gegenüber anderen Freiwilligendiensten.
Neben den vielen Massen-Emails, die mehr Geld für „weltwärts“ forderten, erreichten mich auch sehr kritische Anmerkungen von derzeitigen und ehemaligen Teilnehmern. Viele Entsendungen seien durch die Organisationen schlecht geplant, fast dreiviertel der Teilnehmer hätten keine geregelten Aufgaben und somit einfach „nichts zu tun“.
Die beliebtesten Reiseziele bei „weltwärts“ sind Südafrika, Indien, Brasilien und Mexiko. Im Vergleich dazu ist an einer Entsendung nach Osteuropa nicht einmal ein Prozent aller Teilnehmer interessiert.
Eine Teilnehmerin schrieb mir: „Ich bin im Moment in Brasilien, und auch schon durch Argentinien, Chile und Paraguay gereist…“ Dazu passt, was mir ein kritischer weltwärts-Teilnehmer mitteilte, der sich gegen eine Mittelerhöhung aussprach: „Nutzen Sie die Chance (…) um das BMZ nicht zu einem Ministerium werden zu lassen, dass ‚Selbstfindungstrips‘ für Jugendliche organisiert“.
Ich bin davon überzeugt, dass „weltwärts“ für die meisten Teilnehmer kein bloßer „Selbstfindungstrip“ ist. Und ich glaube, dass die jungen Menschen motiviert mitarbeiten und sich für die Menschen in Entwicklungsländern einbringen. Aber ich bleibe bei meiner Überzeugung, dass auch dieses Engagement im Rahmen des FS und FÖJ besser aufgehoben wäre, als es nun innerhalb der Entwicklungspolitik ist.

 Lesen Sie hier die Antwort der Bundesregierung auf meine schriftliche Frage bezüglich des Programms ''weltwärts''

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