Hier möchte ich Ihnen Einblick geben mit kleinen Erlebnissen und
Geschichten aus meiner Zeit bei POLYGRAM und als Leiter der
Musikredaktion beim NDR in Kiel. Und auch ein paar private Seiten sind
dabei.

Foto mit freundlicher Genehmigung: Archiv S. Fischer Verlag
Thomas Mann mit Familie in Nidden Meine Cousine Erika ist die Tochter meines Onkels Walter Koppelin.
Mein Onkel lebte in Memel, später dann in Bruchhausen-Vilsen.(Niedersachsen)
Erika Koppelin ist 1919 geboren und lebt jetzt in Bayern. Sie war
befreundet mit den Kindern von Thomas Mann, besonders mit Klaus Mann
(geb. 1906) Erika Mann (geb. 1905) und Monika Mann (geb. 1910)
Erika Lorenz, geb. Koppelin, über ihre Begegnungen und Erlebnisse mit
Thomas Mann und seiner Familie.:


Erika Lorenz, geb. Koppelin
Foto: H. Lange
(wurde von mir als Tondokument am 29. Januar 2008 aufgenommen)
Das Haus von Thomas Mann war ein Domizil, es gehörte nach Nidden.
Das Haus hatte einen ganz bestimmten Charakter. Und es war naturbezogen.
Klaus Mann war einer, der mir sehr zugetan war. Aber auch die Erika.
Aber Thomas Mann war schon "einer für sich".
Wir haben sie am Strand kennengelernt. Später war ich dann oft bei ihnen
zu Hause. Die Frau Mann war ja mehr als großzügig. Aber er (Thomas Mann) war ja schwierig.
Selbst wenn sein Bruder (Heinrich Mann) da war, so spielte auch der immer
eine untergeordnete Rolle.
Thomas Mann war nicht einfach, auch zu seinem Bruder. Er ließ ihn aber
mit seiner "Lola" gewähren.
Man hat's geduldet und war ganz zufrieden, dass es so lief. Schließlich
war nur wichtig, dass es sich alles in der Familie bewegte. So war es, und so
lebten die Menschen in der Kurischen Nehrung.
Thomas Mann war der, der alle überragt hat, der immer eine große Rolle
spielte. Er ließ auch keinen an sich ran. Und Widerspruch gab es bei ihm
nicht. Alles was er sagte war ein Evangelium. Und so wollte er es auch.
Manchmal ging Frau Mann dazwischen und sagte, mach es doch mal so oder
so. Nein, nein, sein Wort galt. Auch wenn er sagte, dass er mal wieder
nach Italien wollte.

Haus in Nidden
Doch die Kinder haben das nicht akzeptiert. Die Kinder hatte ihre eigene
Meinung. Irgendwie war alles ein bisschen komisch. Die Kinder hielten
alle zusammen. Viel machte es sicher aus, dass man da lebte wo die Natur
ist. Das gab den Menschen dort ein Gesicht und einen Halt, da geht
man auf einander zu. Anders als in der Stadt.
Ja, der Thomas Mann war wirklich komisch. Zu mir hatte er eine nette
Verbindung, aber zu den meistens nicht so sehr. Selbst mit seiner Frau
(Katia Mann) hatte er die größten Schwierigkeiten, die ja immer für die
Kinder da war.
Alles musste so sein wie er es haben wollte. Auch wenn er nach Italien
wollte, wo er Affären hatte, diverse, und letztlich auch eine bestimmte
Verbindung hatte, besonders zu jungen Knaben. Aber er ließ es nicht
hochkommen, das war tabu im Haus. Er hat dort in Italien die hübschen
Knaben geliebt, aber es ist wohl nie zu Intimitäten gekommen. Wenn man
bei Manns im Haus war, erfuhr man irgendwie davon. Es wurde auch darüber
gesprochen. Und wenn dann von Affären gesprochen wurde, dann wehrte er
es nur ab und sagte, nein, nein, das ist nur alles platonisch.
Die Frau (Katia Mann) achtete sehr darauf, dass es zu keinem Kontakt
kam, der nicht so sehr erwünscht war. So wie Thomas Mann auch "intimen"
Kontakt zu seinen Kindern hatte, aber immer so, dass es "angenehm" war.
Er war ja ein berühmter Mann.
Trotzdem hat er seine Frau geliebt. Sie an sich herangezogen. Und die
Frau hat das auch respektiert. Es war irgendwie ein stilles Übereinkommen.
Genauso wie mit der "Lola" des Bruders Heinrich, die ja auch eine
gewisse Rolle spielte. Thomas Mann ließ sie im Hintergrund, das war am
Rande, und es war ja auch irgendwie eine schöne Zeit.
Ich habe alle Kinder von Thomas Mann kennengelernt, vor allem den Klaus
und die Erika. Die Kinder hatten immer ein freundliches Wesen. Zumal die
Kinder "intim" lebten, was ja nicht so angebracht war.
Aber sie taten es und wollten es so. Es gibt eben Menschen, die tun
Dinge, wo andere sagen, das schickt sich nicht, das macht man nicht.
Doch das gab's bei denen nicht. Allen war die Natur wichtig.
Was man machte, miteinander, zueinander, war egal.
Man lebte und liebte und lachte.
(Wörtliche Übernahme oder inhaltliche Verwendung der hier dargestellten Aussagen sind nur mit Genehmigung erlaubt.)
Einige Anmerkungen:
*Nida* (deutsch /Nidden/) ist ein Dorf in Litauen http://de.wikipedia.org/wiki/Litauen
und Sitz der Gemeindeverwaltung 
Nidden
von Neringa http://de.wikipedia.org/wiki/Neringa auf der Kurischen
Nehrung http://de.wikipedia.org/wiki/Kurische_Nehrung an der Ostsee http://de.wikipedia.org/wiki/Ostsee. Der Ort befindet sich auf der
Haffseite http://de.wikipedia.org/wiki/Kurisches_Haff der Nehrung.
Meine Cousine Erika lebte in Memel.
Als Hauptattraktion von Nida wird die landschaftlich reizvolle Lage an
der Haffküste der Kurischen Nehrung angesehen. Um Nida herum befinden
sich viele Wälder http://de.wikipedia.org/wiki/Wald, Heide
http://de.wikipedia.org/wiki/Heide_%28Landschaft%29 - und Dünengebiete
http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCnen. Unter anderem befindet sich
hier die nach der Dune du Pyla
http://de.wikipedia.org/wiki/Dune_du_Pyla bei Arcachon
http://de.wikipedia.org/wiki/Arcachon zweithöchste Düne Europas, die
"Hohe Düne". Mit der Entstehung des Expressionismus
http://de.wikipedia.org/wiki/Expressionismus ab 1900 zog es deshalb
auch eine Vielzahl von Künstlern nach Nida, unter ihnen so bekannte
Namen wie Lovis Corinth http://de.wikipedia.org/wiki/Lovis_Corinth,
Max Pechstein http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Pechstein und Karl
Schmidt-Rottluff http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schmidt-Rottluff.
Um den damaligen Treffpunkt dieser Maler, den Gasthof Blode, entstand
die Künstlerkolonie Nidden
http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstlerkolonie; dieser Gasthof
existiert heute noch. Touristische Anziehungspunkte sind außerdem das
ehemalige Ferienhaus von Thomas Mann
http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Mann (1929 erbaut, in dem der
Dichter die Sommerferien 1930-1932 mit seiner Familie verbrachte, heute
Museum), das Bernsteinmuseum http://de.wikipedia.org/wiki/Bernstein
und der alte Friedhof mit den typischen Kurenkreuzen. Nida hat eine
sehenswerte Strandpromenade und einen Jachthafen. Direkt südlich von
Nida befindet sich ein Grenzübergang
http://de.wikipedia.org/wiki/Grenz%C3%BCbergang in die Oblast
Kaliningrad http://de.wikipedia.org/wiki/Oblast_Kaliningrad (zur
Russischen Föderation).
Sehenswert in der dritten Ortslage von Nidden ist der Friedhof mit den
heidnischen Grabkreuzen, der vom ostpreußischen Maler Lovis Corinth
gemalt wurde. Agnes Miegel schrieb die Ballade "Die Frauen von Nidden".


Haus von Thomas Mann in Nidden.
Die von meiner Cousine Erika erwähnte "Lola" war Nelly Kröger, die
uneheliche Tochter von Bertha Margaretha Elise Westphal, die in
Ahrensbök http://de.wikipedia.org/wiki/Ahrensb%C3%B6k
(Schleswig-Holstein) Magd http://de.wikipedia.org/wiki/Magd bei einem
Kaufmann war. Es ist nicht gesichert aber zu vermuten, dass der
Dienstherr leiblicher Vater von ihr und ihrer gleichfalls unehelich
geborenen Schwester war. Den Namen Kröger erhielt sie durch die Adoption
durch den späteren Ehemann ihrer Mutter.
Heinrich Mann, der 27 Jahre älter war, hatte Nelly Kröger 1929 in Berlin
kennengelernt. Sie hatte dort in einigen Lokalen als Animierdame
http://de.wikipedia.org/wiki/Animierdame gearbeitet. Nach langjähriger
Lebensgemeinschaft heirateten sie 1939 in Frankreich 

Grabstätte der Familie Mann in Kilchberg/Zürich.
Foto: J. Koppelin
http://de.wikipedia.org/wiki/Frankreich. Thomas Mann
http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Mann konnte die angebliche
Vulgarität http://de.wikipedia.org/wiki/Vulgarit%C3%A4t der Ehefrau
seines Bruders Heinrich nicht leiden und hatte ihm zuvor empfohlen, das
Verhältnis zu beenden.
Als Heinrich Mann wie sein Bruder in die USA
http://de.wikipedia.org/wiki/USA emigrierte
http://de.wikipedia.org/wiki/Emigration, begleitete seine Ehefrau ihn.
Allerdings hatte er dort als Schriftsteller kaum Erfolg. Nelly Mann, die
alkoholabhängig und Zeit ihres Lebens suizidgefährdet
http://de.wikipedia.org/wiki/Suizid war, konnte ebensowenig wie er
dort heimisch werden und beging schließlich Selbstmord. Sie wurde in
Santa Monica http://de.wikipedia.org/wiki/Santa_Monica (Kalifornien)
beigesetzt.


zusammen mit meiner Cousine Erika Lorenz, geb. Koppelin
Foto: H. Lange
Erika Lorenz, geb. Koppelin, schrieb einige Gedichte über ihre Heimat Memel:
ERINNERUNGEN AN MEMEL
Es kommt in der Erinnerung
Zu mir die alte Stadt,
weil ich so oft an sie denke
und sie mir viel zu sagen hat.
Ich sehe die Silhouetten
Der Türme vom weiten Meer,
ich seh die vertrauten Straßen,
und ich sehn mich danach sehr.
Der Hafen mit seinen Schiffen,
die Molen von Wasser umsäumt,
der Garten mit seinen Blumen,
und ein Mensch der dort lebt und träumt.
Oh, ihr vertrauten Bilder,
könnt nimmermehr entfliehn,
muss ich auch andere Straßen
und and’re Wege ziehn.
NEHRUNG
Dort wo die Wellen des Haffes,
umspülen der Dünen Rand,
verlebt ich die schönsten Stunden
umgeben von ewig rieselndem Sand.
Ich stand auf der hohen Düne,
schaute auf Haff und See,
dort in den grau-grünen Ellern,
stand lauschend ein flinkes Reh.
Du standst an meiner Seite,
wir gingen Hand in Hand.
Mein Herz hat die Sorgen vergessen,
seit es Deine Liebe fand.
*Die Frauen von Nidden*
von Agnes Miegel
Die Frauen von Nidden standen am Strand
Über spähenden Augen die braune Hand,
Und die Boote nahten in wilder Hast,
Schwarze Wimpel flogen züngelnd am Mast.
Die Männer banden die Kähne fest
Und schrieen: „Drüben wütet die Pest!
In der Niederung von Heydekrug bis Schaaken
Gehn die Leute im Trauerlaken!"
Da sprachen die Frauen: „Es hat nicht Not, —
Vor unsrer Türe lauert der Tod,
Jeden Tag, den uns Gott gegeben,
Müssen wir ringen um unser Leben,
Die wandernde Düne ist Leides genug,
Gott wird uns verschonen, der uns schlug —
Doch die Pest ist des Nachts gekommen
Mit den Elchen über das Haff geschwommen.
Drei Tage lang, drei Nächte lang,
Wimmernd im Kirchstuhl die Glocke klang.
Am vierten Morgen, schrill und jach,
Ihre Stimme im Leide brach.
Und in dem Dorf, aus Kate und Haus,
Sieben Frauen schritten heraus.
Sie schritten barfuß und tiefgebückt,
In schwarzen Kleidern, buntgestickt.
Sie klommen die steile Düne hinan,
Schuh und Strümpfe legten sie an
Und sie sprachen: „Düne, wir sieben
Sind allein noch übriggeblieben.
Kein Tischler lebt, der den Sarg uns schreint,
Nicht Sohn noch Enkel, der uns beweint,
Kein Pfarrer mehr, uns den Kelch zu geben,
Nicht Knecht noch Magd ist mehr unten am Leben,
Nun, weiße Düne, gib wohl acht:
Tür und Tor ist Dir aufgemacht,
In unsre Stuben wirst Du gehn
Herd und Hof und Schober verwehn, —
Gott vergaß uns, er ließ uns verderben.
Sein verödetes Haus sollst Du erben,
Kreuz und Bibel zum Spielzeug haben, —
Nur, Mütterchen, komm uns zu begraben!
Schlage uns still ins Leichentuch,
Du unser Segen, einst unser Fluch.
Sieh, wir liegen und warten ganz mit Ruh", —
Und die Düne kam und deckte sie zu.